Sind wir schon digitalisiert? – Highlights der Techweek 2019

Sind wir schon digitalisiert? – Highlights der Techweek 2019

Anfang November fand in Frankfurt am Main die gut besuchte Techweek 2019 statt. Die Messe gilt mit 300 Ausstellern in der Szene als eine der richtungsweisenden Technologieausstellungen. Parallelveranstaltungen gibt es in London, Paris, Singapur und Hong Kong. Die Veranstalter in Frankfurt schaffen es immer wieder, das geneigte Fachpublikum nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus ganz Europa, anzusprechen. Die Messe gliederte sich dabei in verschiedene Rubriken. Berichtet wird hier über die Eindrücke aus den Bereichen Cloud Expo Europe, Cloud- und Cybersecurity Expo, Smart IOT und Big Data World.

Eine Besonderheit der Techweek 2019 war die gelungene Mischung aus Messe und Fachvorträgen. Letztere waren bestückt mit nationalen und internationalen Referenten – dem Who is Who der internationalen Technologieszene. Im Folgenden möchte ich aus den jeweiligen Teilgebieten einige Highlights vorstellen und dabei versuchen, eine zusammenfassende Trendaussage zu definieren.

Cloud Expo Europe – Schnelligkeit braucht Flexibilität

Ob für Cloud-Beginner, Groß-Skalierer oder Cloud-First-Anhänger – die Cloud Expo Europe will Deutschlands Messe Nummer 1 für innovatives Business, Optionen der Cloud und digitale Transformation sein. Gleich drei deutsche „Big Player“ berichteten hier über ihre Erfahrungen:

Ankur Rastogi, Senior Director Cloud Migration bei der Deutsche Lufthansa AG, sprach über „Strategy, structure and governance“ von internationalen Cloud-Projekten im Lufthansa-Konzern. Sein Fazit: „Es lässt sich alles planen und strategisch aufsetzen – nur in einer Day-to-Day-Governance lässt sich kontrollieren, welche Resultate die großen Plattformprojekte wirklich hervorbringen.“

Eine ähnliche Forderung stellte auch Claudia Plattner, CIO von DB Systel, in ihrem Vortrag „How leadership, talent & diversity support your journey to digital transformation“:  Es gelte, neuen Innovationen gegenüber aufgeschlossen zu sein, angestammte Rollenmodelle zu wechseln und die eigene Komfortzone – auch innerhalb der Technik – zu verlassen.

Sebastian Waschnick, CTO der Axel Springer Ideas Engineering GmbH, lieferte in seinem Vortrag „Rapid Prototyping in der Cloud – VM, Serverless oder Managed Service?“ Argumente für Rapid Prototyping im Cloud Umfeld: Nämlich Lösungen schnell auszuprobieren und damit das Risiko hoher Investitionen zu reduzieren.

Die Digitalisierung und die Cloud-Strategien der Zukunft bedeuten neue persönliche und organisatorische Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Um technisch schnell zu agieren, müssen Hard- und Software flexibel sein. Doch Konzepte alleine sind hier nur ein Teil der Arbeit. Es werden Prototypen gebraucht, mit deren Hilfe sukzessiv die Weiterentwicklung der Lösungen angestrebt werden kann.

Cloud-Cybersecurity Expo – Der Attacke auf persönliche Daten keine Angriffsfläche bieten

Immer mehr wertvolle und vertrauliche Daten strömen von Unternehmen in die Cloud und zurück – ein enormes Risiko, welches kontrolliert und minimiert werden muss. Viele Unternehmen verfügen aber noch nicht über ein umfassendes Sicherheitsmanagement für die Cloud-Adaptierung. Dass Sicherheitsverfahren das Yin und Yang der industriellen Digitalisierung sind, ließ auch Stefan Vollmer, CTO von TÜV Süd durchblicken. Er lieferte Argumente für eine höhere operationelle Sicherheit, angepasst auf die Standards, die bereits im IT-Bereich gelten.

Zum Thema Datenschutz gab zudem Rebecca Weiß, Leiterin Vertrauen und Sicherheit bei BITKOM, weitere Einblicke: So fürchten IT-Industrie und Verlage wegen neuer Datenschutzregeln um ihr Geschäft. Die EU-Staaten könnten bald den Weg für die neue  ePrivacy-Verordnung bereiten. Die Branche warne vor eben jenen neuen Regeln, die mehr Verwirrung als Nutzen bringen könnten.

Spannend wurde es auch beim Vortrag von Frank Satterwhite, Cyber Specialist NATO und Service Delivery Manager: „Die Gesellschaft darf nicht länger hinnehmen, dass persönliche Daten über das Smartphone ausspioniert werden. Wir müssen uns dagegen wappnen, dass unsere Daten angegriffen und analysiert werden. Eine umfassende Abwehr ist hier notwendig. Mobile Endgeräte sind äußerst wertvolle Ziele mit sehr zerbrechlichen Angriffsflächen. Das ist eine Herausforderung, die uns das ganze Leben lang begleiten wird.“

Allein anhand dieser Statements ist bereits zu sehen, in welchem Spannungsbogen sich Unternehmen und Privatpersonen bewegen. Hier wird sich in Zukunft zeigen, welche Stellung Cyber-Security in Bezug auf staatliches Handeln einnehmen wird. Werden die Belange von Privatpersonen und Unternehmen ausreichend gewürdigt, oder müssen Behörden übergeordnet für Sicherheit sorgen. Dies dürfte in der europäischen Union auch wieder eine Frage der jeweiligen (erfolgreichen) Lobbyarbeit darstellen.

Internet of things – ein früher Aufbruch

Mithilfe von IoT können Firmen sich zu einem „datenzentrierten Unternehmen“ weiterentwickeln. Prozesse können optimiert und die Sicherheit der Geschäftstätigkeit erhöht werden. Wenn IoT nicht schon längst zum Mainstream gehört, so bergen die Verfahren weiterhin doch eine große Anzahl von Herausforderungen.

„Es lässt sich bereits für 50 Euro und innerhalb einer Stunde eine erste IoT-Anwendung entwickeln. – Doch viele Unternehmen sind sich nicht sicher, ob und wie eine solche Applikation gestaltet werden kann“, so Stefan Schleyer, Lead Architect IoT SKF. „Am besten, man wählt sich einen passenden Prototyp aus. Mit Hilfe von AWS und der Electric Imp Plattform gelingt das in kürzester Zeit sehr erfolgreich.“ Ein klares Credo, rasch mit Prototyping im IoT-Umfeld zu beginnen.

Internet of things

Wie Unternehmen in Zukunft von Daten und Smart Services profitieren und mit neuen, intelligenten, digitalen Services vorausschauend Produktionen und Prozesse optimieren können – dazu lieferte Simon Gineiger (Strategieberater Bodly go Industries) interessante Konzepte.

Allerdings bleibt es weiterhin offen, welche Anwendungsbereiche für Unternehmen und Privatpersonen schlussendlich wirklich relevant werden. Deren Feststellung gleicht momentan noch einer Trail-and-error-Methode.

Vom zögerlichen und unsichereren Beginn bis zum furiosen „IoT-Meister“ ist hier offensichtlich noch alles möglich. Die Szene befindet sich derzeit noch in einem frühen Aufbruch. Megaanbieter wie Amazon wollen schnell Standards schaffen und sich mit IoT-Anwendungen für Endkunden direkt in den heimischen vier Wänden platzieren. Doch wer profitiert von dieser kompletten Vernetzung am meisten? Der Mensch oder die Unternehmen? Wer übernimmt hier am Ende die Gesamtsteuerung?

Big Data und AI – Im Unternehmensalltag nicht mehr wegzudenken?

Eine Technologiemesse mit dem Schwerpunkt Digitalisierung, ohne das Themengebiet Big Data oder künstliche Intelligenz? Sicherlich schwer vorstellbar. Entsprechend frequentiert waren die Stände der Hersteller und die fortlaufenden Auditions inklusive der umfangreichen Praxisbeispiele.

Mit Douglas kann im Bereich der Nutzerdatensammlung ein Unternehmen bereits deutliche Erfolge vorweisen. So verwies Volker Oßendoth, Bereichsleiter Daten und Analytics, auf die über 40 Millionen Beauty Card Mitglieder, welche ein immenses Wissen garantieren. Das Portal bietet sowohl dem eigenen Unternehmen, als auch externen Interessenten wie zum Beispiel Marktforschungsinstituten, auf einfache Weise umfassende Informationen über Kundentypen, deren Kaufverhalten und die allgemeine Marktabdeckung. Das ist vorteilhaft für die Entscheidungsunterstützung in einem wettbewerbsintensiven Umfeld.

Auch innerhalb der Robert Bosch GmbH wurden über Predictive-Analytics-Prognosen und Werksdaten im Konzern neue Standards geschaffen. So habe man den monatlichen Geschäftsbericht weltweit digitalisiert. Laut Michael Dieterle, Chief Product Owner Finance and Business, ließ sich dies nur durch den Einsatz von neuen Big Data Verfahren erreichen.

Big Data Illustration

Ob in der Verbindung und der Analyse des Endkunden im  B2C-Bereich  oder in der Konzernsteuerung: Big Data oder AI sind im Unternehmensalltag nicht mehr wegzudenken. Die Kunst besteht in der Auswahl der passenden Verfahren und der konsequenten umfassenden Umsetzung. Sonst können solche Projekte schnell in einem nicht mehr zu analysierenden Datenmüll enden.

Sind wir schon digitalisiert?

Wenngleich die Hersteller mit immer neuen Tools und Szenarien werben und die Referenten aus den Unternehmen auch auf der Techweek 2019 gerne über ihre gelungenen Projekte berichteten:  Die gesamte IT-Branche und ihre Anwender befinden sich mehr denn je im Aufbruch. Die großen Schlagworte und Antreiber der Veränderungen sind hier: Digitalisierung, Cloud und Big Data. Doch der Weg zur Implementierung ist zumeist steinig. Viel Neuland muss überwunden werden. Prozesse, Systeme und Menschen müssen überzeugt werden. Ein gewaltiger Kraftakt.

Viele Erfolgsstories zeigen jedoch, wie viel Mehrwert die Investitionen in die neuen Verfahren hervorbringt. Wer hier falsche Entscheidungen fällt, kann schnell auf Jahre hinaus ins Hintertreffen geraten und den Anschluss an den Wettbewerb verlieren.

Abschließend möchte ich noch auf die Problematik der fehlenden Governance in etlichen Bereichen eingehen, denn für vieles gibt es noch keinerlei rechtlichen Rahmen. Die Politik und die Legislative scheinen hier von der schnell voranschreitenden Entwicklung abgehängt. Allmählich werden die neuen digitalen und rechtlichen Herausforderungen überhaupt sichtbar. Meiner Meinung nach sind Unternehmen hier sicher gut beraten, selbst die Initiative zu übernehmen und von sich aus entsprechende Governance-Strukturen einzuführen. Eine eigene Unternehmensethik kann hier in Prozessen und Systemen sichtbar helfen.

Fotos: Shutterstock

 

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.