4 Digitalisierungsfakten am Beispiel der Fußball-WM

4 Digitalisierungsfakten am Beispiel der Fußball-WM

Der technische Fortschritt hält im Sport unübersehbar Einzug. Das Schachmatt für kleinere Vereine?

Die Digitalisierung machte auch vor einem der größten Sportereignisse der Welt nicht halt: der Fußball-WM 2018. Die digitale Marketingmaschinerie lief auf Hochtouren und auf dem Platz beeinflussten Technologien wie die Torlinientechnik oder der Videobeweis den Spielverlauf. Aber auch hinter den Kulissen – im sportlichen Bereich – ist der digitale Einfluss enorm. Um Wettbewerbsvorteile zu generieren, greifen Mannschaften und Verbände zunehmend auf innovative Technologien und Big-Data-Analysen zurück. Die hier gewonnenen Erkenntnisse werden jedoch nur ungern geteilt und bleiben meist (noch) im Verborgenen. In der Konsequenz ist für uns Zuschauer so manche sportliche Entscheidung nur schwer nachzuvollziehen. Im Folgenden möchte ich vier Digitalisierungsfakten der Fußball-WM ausführlicher betrachten:

1. Der Videobeweis als Gamechanger

Das erste Mal auf internationaler Ebene ist der Videobeweis (VAR – video assistant referee) zum Einsatz gekommen. Entgegen allen Erwartungen ist dieser recht gut verlaufen und durchaus positiv zu sehen: Die Bilder aus dem Kontrollraum wurden – anders als letzte Saison in der Bundesliga – für Fans im Stadion und an den Bildschirmen eingeblendet. Diese Transparenz kam gut an und war der entscheidende Erfolgsfaktor, sie machte die Mehrzahl der Entscheidungen nachvollziehbar.

Laut FIFA gab es in der Vorrunde 99,3 Prozent richtige Entscheidungen, wobei 335 strittige Szenen überprüft worden sind – die Mehrzahl durch sogenannte stille Überprüfungen im Hintergrund. Ohne den Videobeweis wären es laut dem ehemaligen Chef der FIFA-Schiedsrichter-Kommission Pierluigi Collina nur 95 Prozent gewesen. Des Weiteren wurde kein Tor durch Abseits erzielt. Diese Diskussion wurde komplett ad acta gelegt.

Nach FIFA-Angaben war der VAR auch indirekt für zwei prägende Quoten verantwortlich:

  • 72 der 175 Tore fielen nach Standards:
    Dies entspricht einem Anteil von rund 41 Prozent und ist somit eine der höchsten Quoten in der WM-Geschichte. Bei der WM 2014 war es gerade mal ein Viertel. Jede 30. Ecke war erfolgreich – zum Vergleich: in der Champions League ist es jede 45. Die FIFA schreibt dies dem VAR zu, da er die Unübersichtlichkeit im Strafraum auflöst und selbst den kleinsten Trikotzupfer registriert. In der Folge sind die Spieler deutlich zurückhaltender, wenn es darum geht, ihre Gegenspieler (mit regelwidrigen Methoden) zu stoppen.
  • 28 Strafstöße wurden gepfiffen:
    Ein Rekord in der Geschichte der WM. Der bisherige Höchstwert lag bei 18 (2002, 1998 und 1990).

2. Statistiken als Fluch und Segen

Schaut man sich die Statistiken der WM an, kann man als Zuschauer nur noch mit dem Kopf schütteln. Längst sagen die von den Medien eingespielten Daten kaum noch etwas über die tatsächliche Stärke von Mannschaften aus. Deutschland ist das beste Beispiel – die Statistiken zeigen eine ganz klare Parallele zur WM 2014. Bis auf die Torschussquote, die 2018 fast doppelt so hoch war, sind die Werte relativ gleichbleibend:

WM 2018 WM 2014
Zweikampfquote 55,3 % 55 %
Ballbesitz 72 % 61 %
Passquote 88,7 % 89 %
Torschüsse 72 38
​Aber warum ist mit fast identischen Werten einmal ein Weltmeistertitel das Ergebnis und einmal ein „katastrophales“ Vorrunden-Aus? Ganz einfach: Die Statistiken sind nette Informationen, aber sagen in den meisten Fällen nur noch sehr wenig aus. Die eigentlich interessanten Daten der Spiele werden nicht veröffentlicht. Sie sind entweder zu kompliziert, werden nur intern erhoben oder von den Medien ins Lächerliche gezogen (Packing 2016).

Bekannt ist zum Beispiel die Ballbesitzzeit pro Spieler, die der DFB für seine Mannschaften analysiert, die bisher aber noch nie in den Medien auftauchte: 2005 brauchten die Spieler noch 2,7 Sekunden, um einen Ball anzunehmen, zu verarbeiten und weiterzuleiten. Heute liegt der Spitzenwert bei 0,99 Sekunden, d.h., fast dreimal so schnell. Willkommen in der Zeit des Tempofußballs.

Fakt ist, hinter verschlossenen Türen werden mittlerweile neue Daten wie Druckeffizienz, Passempfänger, Packing, Pressingrate, Raumkontrolle, Ghosting oder Expected Goals herangezogen, um die Leistungen der Mannschaften und der Spieler realistisch zu bewerten. Diese teils komplexen Daten sind noch nicht massentauglich, würden Medien und Fans aber dabei helfen, die tatsächlich ausschlaggebenden Stärken eines Siegers zu erfassen und manche Entscheidungen von Jogi Löw & Co. besser nachvollziehen zu können.

Das Beispiel Mesut Özil

Neben der deutschen Mannschaftsleistung wurden auch die sportlichen Leistungen der einzelnen Spieler kontrovers diskutiert – allen voran, die von Mesut Özil. Würden die neuen Statistiken zu den Spielen mitgeliefert, wäre die Kritik an dem mittlerweile zurückgetretenen Spielmacher deutlich geringer ausgefallen, denn:

  • 2010 überspielte Özil 18 Gegner je Spiel
  • 2014 steigerte er sich auf 27 überspielte Gegner
  • 2018 waren es sogar 52 – der Spitzenwert auf seiner Position im Turnierverlauf

Der zweite zentrale Wert zeigt, wie viele Gegner Özil als Passempfänger aus dem Spiel genommen hat. Er verdeutlicht, wie geschickt er sich im Raum bewegt, und dass er für die Mitspieler (fast jederzeit) anspielbar ist. Enorm wichtig dabei – es zählen nur Anspiele, die er auch kontrolliert:

  • 2010 ermöglichte er das Überspielen von 82 Gegnern je Spiel
  • 2014 waren es 70
  • 2018 waren es 69 – einer weniger als 2014, aber immer noch der zweithöchste Wert aller offensiven Mittelfeldspieler bei dieser WM

Diese Werte sind auch der Grund, warum Jogi Löw über all die Jahre an ihm festhielt. Er prägte das Spiel der Mannschaft. Nicht mit Toren, sondern mit genau diesen Werten. Und wer mal gegen Mannschaften gespielt hat, die sprichwörtlich „Ihren Bus vor dem Tor parken“ weiß, wie schwer es ist, sich dort angemessen durchzukombinieren: Mit einem wie Özil deutlich leichter als ohne. Dies zeigt aus meiner Sicht, dass das Ausscheiden bei der WM deutlich vielfältigere Gründe hat als Mesut Özil.

3. Der digitale Druck steigt

Ein Punkt, der auf den ersten Blick nicht im Zusammenhang mit der Digitalisierung gesehen wird, ist die mentale Stärke der Spieler. Anders als die Engländer die, durch stetige Trainingswiederholungen unter Wettkampfbedingungen, den 11-Meter-Fluch bei Weltmeisterschaften ablegten, war bei den deutschen Spielern ganz klar eine Blockade zu erkennen. All die positiven Momente der Qualifikation wurden nicht einmal ansatzweise erreicht.

Nun kann man in endlosen Diskussionen darüber spekulieren, ob die Mehrzahl der Spieler satt gewesen sei, überheblich oder einfach zu viel Unruhe vorherrschte. Klar ist aber, heutzutage müssen Spieler mental fit und extrem widerstandsfähig sein. Durch die öffentlichen Statistiken, teils auch Fehlinterpretationen in den Medien und die Anonymität des Webs entstehen nicht selten Shitstorms, welche selbst stabile Spieler ins Wanken bringen können. „Einfach nicht lesen“ funktioniert im Zeitalter der omnipräsenten Informationsfluten nicht mehr.

Um den mentalen Bereich, ebenso wie andere Fähigkeiten der Spieler entwickeln und „benchmarken“ zu können, gibt es digitale Hilfsmittel wie Apps und Analyseprogramme, die vor allem für Nachwuchstrainer von Bedeutung sein können, um druckresistente und mental starke Spieler auszubilden. Sie arbeiten daran, die rein physischen KPIs (Key Performance Indicator) um neue Indikatoren für Charaktereigenschaften, Persönlichkeitsstrukturen, Umfeld und mentale Balancen zu erweitern. Sehr interessant – eventuell auch schon bald für den DFB?!

4. Fußball auf allen Kanälen

Die FIFA hat sich im Vorfeld der WM digital neu aufgestellt und das Fanerlebnis ausgebaut. Spezifische Teamreports, eine maßgeschneiderte App oder Visual Stories boten den Fans Möglichkeiten, die WM aktiv zu verfolgen und brandneue Nachrichten abzurufen. Dies sorgte während der WM für Rekordzahlen:

  • Über 7,5 Milliarden Useraktionen wurden auf den digitalen Plattformen der FIFA verzeichnet.
  • Die FIFA-App stand während der WM in 128 Ländern ganz oben auf den Download-Listen.
  • 1,25 Milliarden Videoaufrufe (vier Millionen neue Abonnenten des FIFA-YouTube-Kanals).
  • Über 580 Millionen Interaktionen auf den FIFA-Plattformen der sozialen Medien.
  • FIFA.com war weltweit der Spitzenreiter unter den Fußball-Websites.
  • Mehr als 25 Millionen Besucher nahmen am FIFA-Managerspiel, -Tippspiel sowie dem Digital Sticker Album teil.

Schachmatt für kleinere Vereine?

Fakt ist, dass die Digitalisierung den Fußball verändert und die strategische und operative Arbeit von Verbänden und Vereinen nachhaltig beeinflusst. Aufgrund der starken Medienpräsenz und der großen Budgets der Bundesligavereine könnte dabei der Eindruck entstehen, dass nur die Big Player die Entwicklung in ein digitales Ökosystem realisieren können – das ist jedoch ein Trugschluss. Davon abgesehen, dass in der Bundesliga noch enormes Digitalisierungspotenzial vorhanden ist (vor allem auf der Ebene von Administration und Prozessen), können und müssen auch kleinere Vereine die digitale Transformation angehen. Nicht durch riesige Investitionen, sondern durch clevere Strategien und innovatives Denken: Das reicht von der Einführung von Shop- und Ticketsystemen sowie Fan-Apps über Lösungen für das Stammdaten-, Produkt-, Auftrags- und Kundenbeziehungsmanagement bis hin zum Einsatz von digitalen Helfern bei der Spielerentwicklung und Nachwuchsausbildung.

Ein Beispiel für einen Verein, der das Thema Digitalisierung aktiv angeht, ist der Aschaffenburger Fußballklub SV Viktoria 01 e.V., der zu Beginn der letzten Saison u.a. einen neuen Ticket- und Fanshop gelauncht hat und diesen kontinuierlich ausbaut. Im Ergebnis wurden nicht nur die Onlineumsätze um ein vielfaches gesteigert, sondern der Komfort für die Fans deutlich erhöht. Eine zukunftsgerichtete Entwicklung, die ich in meinem nächsten Beitrag ausführlicher beleuchten werde. Dann berichten die Viktoria-Verantwortlichen im Interview über ihre digitalen Erfolge, Herausforderungen und Visionen.

 

Bildquelle: Shutterstock

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